Selbstverdatungsmaschinen

Selbstverdatungsmaschinen.

Zur Genealogie und Medialität des Profilierungsdispositivs

 

Ausgangspunkt des Dissertationsprojekts war die Beobachtung einer von Spannungen durchzogenen Konstellation rund um den Begriff des Profils und Konzepten der Profilierung, die die Frage aufwirft, warum wir uns – trotz der Ambivalenzen – profilieren und die titelgebenden Selbstverdatungsmaschinen so verbreitet und populär sind. Dieser Fragenkomplex wird durch eine genealogische Rekonstruktion dieser Konstellation als Profilierungsdispositiv bearbeitet.

 

Zur ersten Annäherung werden zunächst die verschiedenen Bedeutungen des Profil-Begriffs in historischen und aktuellen Diskursen zusammengetragen und Eingrenzungen und spezifische Fokussierungen auf ‚das Selbst‘ sowie Praktiken und Technologien der Registrierung, Erhebung, Auswertung und Einordnung, Auffindung und Authentifizierung, (Re-)Präsentation und Anpassung vorgenommen. Nach theoretischen und methodologischen Hinführungen zu einer dispositiv- und medientheoretisch basierten Mediengenealogie dienen jene Praktiken und Technologien als Raster für die genealogische Rekonstruktion. Dabei und in der anschließenden Konturierung des Profilierungsdispositivs als ein strategisches Ensemble zur Hervorbringung von Passungen kann gezeigt werden, welche genealogischen Linien sich in ihm schneiden und welche Rolle die Medialität des Profil-Konzepts dabei spielt.

 

Die Akzeptanz des Profil-Konzepts und der Praktiken der Profilierung kann vor dem Hintergrund der Genealogie zunächst darin begründet werden, dass sie auf lange genealogische Linien zurückgeführt werden können, die sie allgemein vertraut erscheinen lassen. Unter dem Begriff des Profils konvergieren diese Linien im Rahmen des Profilierungsdispositivs, das auf diese Weise sowohl (inter- und interspezial-)diskursiv als auch konzeptuell eine Integration und Verdichtung herstellt. Dabei reagiert es auf verschiedene Notstände. Der schieren Zahl von Individuen innerhalb gemeinsamer bzw. aneinander angeschlossener Medienkulturen und der gleichzeitigen funktionalen gesellschaftlichen Differenzierung stellt es die zentrale Strategie der Herstellung von Passungen gegenüber – sowohl im Sinne eines katalytischen Zusammenbringens jener Individuen und Elemente, die zueinander passen, als auch im Sinne einer Anpassung von Individuen an ihnen äußerliche Gegebenheiten oder andersherum. Durch die multidimensionale Repräsentation und Prozessierung von Individuen erlaubt es dabei Steuerungs- und Selbststeuerungsmechanismen, die z. B. über Kennzahlen, Kurven und Statistiken im Sinne des Link’schen Normalismus nicht möglich sind. Als Teil der Strategie reagiert es zudem auf kulturelle und technische Anonymisierungen in vernetzten computerbasierten Medien, insofern es registerbasierte oder aber ‚fluide‘ Zurechenbarkeiten herstellt. Gleichzeitig schafft es durch die zweckorientierte Ermöglichung von Automatismen flexible und selbststeuernde Orientierungs- und Relevanzstrukturen, die u. a. auf eine ‚Informationsflut‘ bzw. in Fortführung von James Beniger eine Control Crisis zweiter Ordnung reagieren, die sich aus der von ihm skizzierten Control Revolution ergibt und durch zentrale Planungen nicht mehr zu handhaben ist.

 

Aus medientheoretischer Perspektive integriert das Profil-Konzept zum einen das Allgemeine und das Besondere und stellt zudem eine Anschlussfähigkeit zwischen datenförmiger Prozessierbarkeit und semantischer Bedeutungsproduktion her und reagiert damit jeweils auf das Auseinanderfallen beider Sphären. Die Akzeptanz und Popularität von Selbstverdatungsmaschinen als Medien des Profilierungsdispositivs ist vor diesem Hintergrund verständlich, insofern sie den verdateten Selbsten u. a. zurechenbare Existenzen, Passungen und Anpassungen, Orientierungen und Bedeutungsproduktionen ermöglichen, die in der gegenwärtigen Medienkultur auf anderen Wegen nur schwer zu haben sind. Die Wirkungen, die mit der Tatsache des Profils und der Profilierung einhergehen, werden insbesondere in den Entgrenzungen der Konzepte des Labors, der Besserungsanstalt und des Büros deutlich, insofern Subjekte innerhalb des Profilierungsdispositivs als Test- und Wissensobjekte, mobilisierte ‚Insassen‘ und ‚PatientInnen‘ und bürokratische ‚Fälle‘ entworfen werden.

 

Die Dissertation erscheint im transcript Verlag: Weich, Andreas: Selbstverdatungsmaschinen. Zur Genealogie und Medialität des Profilierungsdispositivs. Bielefeld: transcript, 2017.

 

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